Gedächtnis-Palast
Was ist ein Gedächtnis-Palast?
Oh, vielleicht ist Ihnen gar nicht bewusst, was ein Gedächtnis- Palast ist. Ich existiere nur im Geist meines Erfinders, begrenzt durch ein filigranes Netzwerk aus Nervenzellen. [...]
In einem Gedächtnis-Palast wie mir gibt es viele Räume. In jedem Raum sind viele Dinge, eine ganze Reihe erdachter und konstruierter Bilder von Dingen. In jedem Raum haben die Dinge eine bestimmte Anordnung. Alles hat seinen Platz, seinen festen Ort. Alle Dinge in einem Raum stehen miteinander in Verbindung. Der Raum, in dem sie sich befinden, ist ihr gemeinsamer Zusammenhang. So bleiben die Dinge in Erinnerung: Vorstellungskraft, Zusammenhänge, Orte. Der Erfinder des Raums muss nur umhergehen und sich all die Dinge, die er vorher selbst dort abgesetzt hat, an ihren jeweiligen Plätzen ansehen.
Es gibt Korridore in mir, angefüllt mit Räumen über die Geschichte. Von anderen Korridoren gehen Räume für Biologie, Physik und Chemie ab, wieder andere kümmern sich um Englische und Lateinische Vokabeln, andere handeln von Religionen, Kunst, Musik oder Literatur, von Mathematik, Dichtkunst, Informationstechnik.
Mein Besitzer wandert oft meine Gänge hinunter, um die Räume – wie Schatzkammern – zu besichtigen. [...] Nummern, Adressen, Fakten, Symbole, Gesichter, Informationen, Erinnerungen, Sammlungen, alles was man wissen kann wird hier aufbewahrt.
(Quelle: Der Gedächtnis-Palast. Mehr Verstehen, mehr Behalten, mehr Erinnern.)
Ein Gedächtnis-Palast (engl. memory palace) wurde das erste Mal 1596 Jahrhundert in Italien durch den Jesuitenpriester Matteo Ricci entwickelt, der damit 50 000 chinesische Schriftzeichen lernte.
Der Palast hatte hunderte Räume, und in jedem hatte er in Verbindung mit Möbeln oder Einrichtungsgegenständen der Palastzimmer chinesische Schriftzeichen abgelegt. Dadurch, dass er sich diese Räume mit einer enormen Vorstellungskraft, mit enormen visuellen Details, ins Gedächtnis rief, war es ihm möglich, sich wieder an die Schriftzeichen zu erinnern, denn er hatte mächtige Assoziationen zwischen seinen Palastzimmern und den Schriftzeichen entwickelt.
Die Geschichte um die Entstehung des Gedächtnis-Palastes hatte allerdings schon etwas früher angefangen, bei Simonides von Keos (*557/556 v. Chr.; †468/467):
„Bei einem Festmahl, das von einem thessalischen Edlen namens Skopas veranstaltet wurde, trug Simonides zu Ehren seines Gastgebers ein lyrisches Gedicht vor, das auch einen Abschnitt zum Ruhm von Kastor und Pollux enthielt. Der sparsame Skopas teilte dem Dichter mit, er werde ihm nur die Hälfte der für das Loblied vereinbarten Summe zahlen, den Rest solle er sich von den Zwillingsgöttern geben lassen, denen er das halbe Gedicht gewidmet habe. Wenig später wurde dem Simonides die Nachricht gebracht, draußen warteten zwei junge Männer, die ihn sprechen wollten. Er verließ das Festmahl, konnte aber draußen niemanden sehen. Während seiner Abwesenheit stürzte das Dach des Festsaals ein und begrub Skopas und seine Gäste unter seinen Trümmern. Die Leichen waren so zermalmt, dass die Verwandten, die sie zur Bestattung abholen wollten, sie nicht identifizieren konnten. Da sich aber Simonides daran erinnerte, wie sie bei Tisch gesessen hatten, konnte er den Angehörigen zeigen, welches jeweils ihr Toter war. Die unsichtbaren Besucher, Kastor und Pollux, hatten für ihren Anteil an dem Loblied freigebig gezahlt, indem sie Simonides unmittelbar vor dem Einsturz vom Festmahl entfernt hatten.“ –
(Quelle: Marcus Thulius Cicero, De oratore, II)
Was steckt dahinter?
Der Gedächtnis-Palast ist eine Gedächtnisstrategie um sich alltagsnah Wissensinhalte anzueignen und verwendet dazu eine Vielzahl aufeinander abgestimmter Methoden. Er ist außerdem mit bereits vorhandenen Gedächtnis- und Lernmethoden kombinierbar und erweiterbar. Zentrale Methode ist die Routen-Methode.
Routen-Methode
In antiken Rednerschulen wurde der Ansatz von Simonides zum Merken zu einem feinen und praktischen System weiterentwickelt.
Den Schülern wurde beigebracht, sich das Innere großer Gebäude nach bestimmten Regeln in Abschnitte – bestimmte loci, Plätze – zu unterteilen und jeden fünften und zehnten Platz durch bestimmte Zeichen zu markieren. Informationen, die gemerkt werden sollten, wurden in auffällige Bilder verwandelt und abgelegt, eines nach dem anderen. (Daher kommt übrigens der Ausspruch „An erster Stelle…, an zweiter Stelle…“.) Der Redner musste nur noch durch sein Haus laufen, sich die Bilder der Reihenfolge nach ansehen und ihre Bedeutung viel ihm wieder ein.
Fortgeschrittene konnten sich so sogar Wörter oder Sätze merken, größere Textpassagen ließen sich rezitieren. Römische Redner erreichten so unglaubliche Gedächtnisfähigkeiten.
Siehe Hauptartikel: Routen-Methode.
Warum sollte ich einen Gedächtnis-Palast bauen?
- Der Gedächtnis-Palast gibt Ihren Merktechniken ein Zuhause
- Mit Ihrem Gedächtnis-Palast merken Sie sich Informationen auf eine optimale und einfache Art und Weise
- Der Gedächtnis-Palast wird Ihr Leben verändern: Sie werden von anderen für Ihre Gedächtnisleistungen bewundert werden und werden es einfacher als andere haben, sich etwas zu merken
- Der Gedächtnis-Palast wird Ihr Erleben verändern: Wer sich viel merken kann, kann viele Informationen speichern und hat so auch viel Wissen, Wissen wächst umso schneller, desto mehr Wissen Sie schon haben. Entwickeln Sie Ihr Universalwissen!
- Der Gedächtnis-Palast beeinflusst auch Ihre alltägliche Fähigkeit zum Merken und zur Konzentration
- Der Gedächtnis-Palast fördert Assoziationskraft (Verknüpfungen) und Imagination (Vorstellungskraft). All das wird erheblich zu Ihren mentalen Fähigkeiten und Ihrer Kreativität beitragen.
Welche Perspektiven sind noch mit dem Gedächtnis-Palast verbunden?
Der Gedächtnis-Palast ist nicht nur eine Gedächtnisstrategie:
- Der Gedächtnis-Palast – Ein Bild für den menschlichen Verstand. Wie der König eines Palastes, sitzt der Verstand irgendwo in unserem Gehirn, herrscht über sein Reich und beeinflusst mit seiner Politik die Welt auch über die Grenzen seines eigenen Reiches hinaus. Der menschliche Verstand ist nur schwer zu durchdringen und besteht aus so vielen Dimensionen, dass er majestätisch und prachtvoll auf jeden wirkt, der sich seiner Untersuchung annimmt. Und dennoch: Paläste haben für den einfachen Mann beziehungsweise die einfache Frau aus dem Volk etwas Unnahbares und Überragendes. Mit dieser Unkenntnis, wie Nerven, Gehirn, Verstand und Gedächtnis funktionieren, geht auch ein Misstrauen in die Kraft unseres Geistes einher. Wir haben Angst vor dem Verlust der mentalen Power im Alter oder sind enttäuscht, weil wir keine glänzende Schullaufbahn hinter uns haben. Aber wir sind uns gar nicht bewusst, was der Unterschied zwischen einer medizinischen Störung und einer natürlichen Beeinträchtigung des Gedächtnisses ist und wie viele Einflüsse und Stellschrauben auf das Gedächtnis einwirken.
- Der Gedächtnis-Palast – Eine Technik für optimales Lernen. Die Routen-Methode wird in der Kombination mit weiteren Methoden eine ganzheitliche Technik zur praktischen Anwendung.
- Der Gedächtnis-Palast – Ein Wegweiser für die Welt. Erinnern Sie sich noch, wie Ihnen jemand mit glänzenden Augen von einem Erlebnis aus der Vergangenheit erzählt hat? Wie in einem Palast scheint unser Wissen, unsere Erfahrungen und Erinnerungen in hohen Bücherregalen gespeichert und abgelegt zu sein. Außerdem: Wir sind im Informationszeitalter und die Informationsflut wird immer stärker – zum Glück. Wir brauchen Informationen zum Denken, Fische brauchen das Wasser zum Atmen. Aber kann eine Bildung durch Vermitteln von Kulturgütern dem gerecht werden? Wer diktiert, was wir wissen müssen? Vielmehr noch: Ein Weltmann zu sein, ein Universalgenie – viele träumen und arbeiten daran, sich in möglichst vielen Bereichen gut auszukennen. Sie versuchen ein Erinnerungsarchiv, aufzubauen, das ähnlich groß und prächtig ist wie ein Palast. Mit so viel Wissen über die Welt lässt es sich königlich in der Realität leben.
Literatur
Rütten, L. (2011). Der Gedächtnis-Palast. Mehr Verstehen, mehr Behalten, mehr Erinnern:http://lukasruetten.de/gedaechtnis-palast/.
Spence, J. (1984). The Memory Palace of Matteo Ricci. London: Penguin Books.
Yates, F. (2010). The Art of Memory. London: Pimlico.