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Interview mit Ulrich Bien: Anders denken.

Ulrich bien, Gedächtnistrainer

Ulrich Bien, Gedächtnistrainer

Im Frühling führe Ulrich Bien, Gedächtnistrainer und Autor des Buches “Einfach. Alles. Merken: Geniale Merktechniken für ein perfektes Gedächtnis.”, mit mir das Interview “Information, Gesellschaft, Zukunft”. Aus dem Interview ist eine spannende Revanche entstanden, in der ich Ulrich Bien bat, seine Sicht der Dinge zu beschreiben:

Lukas Rütten: Ulrich, auf der Internetseite Deines Unternehmens findet sich der Slogan „Anders denken. Mehr wissen. Besser lernen. Alles merken.“ Inwiefern brauchen Wissen, Lernen und Merken eine andere Art des Denkens?

Ulrich Bien: Beim Thema Informationsverarbeitung sehe ich heute einen kritischen Trend: Mit der massiven Zunahme von Wissen neigen wir immer stärker dazu, Informationen möglichst gehirnunfreundlich aufzubereiten. Das Lernen – und damit auch Wissen und Bildung – wird nicht unbedingt einfacher. „Freude“ und „Spaß“ liest man nirgendwo im Lernplan – Effizienz geht vor, auch wenn die mit herkömmlichen Methoden nicht erreicht werden kann. In unseren Trainings zeigen wir einen anderen Weg auf: durch den richtigen Umgang mit Informationen werden Lernen und Arbeiten nicht nur einfacher, sondern auch kreativer!

In welchem Zusammenhang stehen Kreativität und die Arbeit des Gehirns denn?

Das wertvollste, das unser Gehirn kann, ist das Produzieren von Ideen – und es gibt viele Theorien darüber, was in diesen Momenten in unserem Gehirn vor sich geht. Eine Bedienungsanleitung zum Herstellen kreativer Einfälle hat aber noch niemand entwickelt. Das Gehirn ist – im Vergleich zu Maschinen und Computern – alles andere als gut organisiert. Aufgaben werden doppelt und dreifach erledigt, das Gehirn braucht für einfache Dinge wie Rechnen viel länger als jeder Computer und unsere Nervenzellen produzieren jede Menge Unsinn – nicht nur beim Träumen. Während viele Menschen sich wünschen, präziser zu denken, ist dieses Phantasieren die große Stärke des Gehirns: Es kann Umwege denken, es kann spinnen, es kann vorstellbare Wege verlassen und es kann träumen. Gerade diese Fähigkeiten sollten wir erhalten, pflegen und im Idealfall sogar ausbauen.

Welche Rolle spielt dabei das Sammeln von Erfahrungen?

Lernen wird leider immer noch als notwendiges Übel gesehen, bis man endlich etwas machen darf. Dabei stecken im Lernen häufig bereits die schönsten Erfahrungen: Das erste Mal ein Auto fahren, ein Flugzeug fliegen oder auch beim Asiaten das Essen auf Chinesisch bestellen. Außerdem sollte Lernen immer aus zwei Erfahrungsebenen bestehen: Der Lernende sollte bewusst erkennen, wie er sich eine neue Fähigkeit aneignet und wie seine Persönlichkeit sich dabei und dadurch verändert, und das Lernen sollte grundsätzlich eher auf Erfahrungen basieren. Manche Dinge lassen sich gar nicht ohne Praxis erlernen. Und damit meine ich nicht nur das Radfahren: Ich möchte nicht von jemandem am Blinddarm operiert werden, der nur ein Buch gelesen und im Hörsaal gesessen hat.

Lernen wirkt jedoch oft mühevoll. Wie lässt sich das ausgleichen?

Was die meisten Menschen unter Lernen verstehen, ist tatsächlich anstrengend, weil es häufig gar nichts mit Lernen zu tun hat: Hinsetzen und Buch anstarren bis sich Kopf und Rücken mit starken Schmerzen dagegen wehren. Effektives Lernen läuft anders: Abwechslungsreich, lustig, spannend, wie rätseln und vor allem: fehlerfrei und schnell! Es lohnt sich, die eigene Lernstrategie zu überdenken und zu ändern. Gleichzeitig wird Kopf-Entspannung gerne mit sinnfreiem Abschalten verwechselt. Der Kopf ist eigentlich niemals „offline“ – auch nicht, wenn wir schlafen. Richtig Ausgleichen kann man zum Beispiel, indem man beide Gehirnhälften gleichermaßen fordert: Ein Buchhalter sollte zur Entspannung Tanzen oder Jonglieren, während ein Kunstmaler sich zum Beispiel mit Kopfrechnen ausgleichen kann.

Das heißt wir brauchen einen anderen Umgang mit unserem Informationsverarbeiter, dem Gehirn?

Ja! Leistungsfähigkeit wird in westlichen Kulturen mit Begriffen wie schneller, weiter, höher, lauter gleichgesetzt. Wir beschäftigen uns so sehr mit Computern, dass wir den eigenen Kopf völlig vergessen. Das Gehirn ist keine Leistungsgesellschaft, wo der erste Gedanke der beste ist

. Wäre ein Fachbuch gehirngerecht gestaltet, müsste es nur aus Bildern bestehen! Und hätte unser Kopf einen Beruf, dann  wäre es eher Kunstmaler als Bauingenieur. Der richtige Umgang mit dem Kopf hat auch nichts mit Esoterik zu tun, sondern ist einfach spielerischer, kreativer und viel visueller ausgerichtet, als das, was wir heute dem Hirn zum geistigen Verdauen servieren.

Genau für jenes „schneller, weiter, höher, lauter“ beschäftigen sich die meisten Menschen jedoch mit Lern- und Gedächtnismethoden…

Ich habe Gedächtnistechniken am Anfang entweder eingesetzt, um schneller zu lernen (und früh mit den

Hausaufgaben fertig zu sein) oder mehr im Kopf zu behalten als andere. Auf den ersten Blick erhöhen diese Methoden die Leistungsfähigkeit des Gehirns, was aber nichts mit Training oder Doping zu tun hat. Erst viel später habe ich erkannt, dass Merktechniken die eigene Perspektive völlig verändern. Man verändert seine Art, Bücher zu lesen, im Internet zu surfen, mit seinen Mitmenschen zu sprechen und sogar beim Spazierengehen auf andere Dinge zu achten. Für mich haben Gedächtnistechniken mittlerweile sehr viel mit Lebensqualität zu tun.

Warum sollten Menschen ihr Gedächtnis denn stattdessen bemühen?

Die größte Schwäche des Menschen ist, dass er handeln kann, ohne seinen Kopf zu benutzen. Winston Groom hat es mit seinem wundervollen Zitat auf den Punkt gebracht: „Dumm ist der, der Dummes tut!“ Umgekehrt ist der Kopf das wertvollste Organ, dass wir besitzen. Mein Motto: Gehirn lässt sich mitnehmen und es hat keine Systemfehler. Es ist viel leistungsfähiger als jeder Computer – was viele Menschen leider anders sehen (schauen Sie sich dazu dieses kleine Experiment an: Wer denkt besser: Mensch oder Maschine?). Außerdem bildet sich unsere Persönlichkeit aus unseren Erfahrungen und unserem Wissen. Was könnte also besser sein, als von beidem möglichst viel einzusammeln? Pausen und Ferien sind relativ neue kulturelle Errungenschaften, die vielleicht viel zu oft falsch umgesetzt werden.

Du sagtest, wir brauchen einen anderen Umgang mit unserem Informationsverarbeiter Gehirn, brauchen wir auch einen anderen Umgang mit unserer Informationsquelle Internet?

Strukturen und Abläufe im Internet werden mittlerweile immer häufiger mit der Funktionsweise des Gehirns verglichen. Aber unser Kopf ist alles andere als gut organisiert oder effizient – und er denkt jede Menge sinnloses Zeug! Das Internet kann unser Gehirn (und uns) sehr positiv beeinflussen. Kritisch sind nur zwei Dinge: Unsere technische Verbindung zum Internet ist derzeit noch mehr als primitiv. Wir schauen durch ein winziges Fenster (Monitor oder Mini-Telefondisplay) in eine hoch-komplexe Welt. Außerdem ist die Qualität eines Mediums davon abhängig, was der Nutzer damit macht: Wir können uns mit einem Bleistift den ganzen Tag am Kopf kratzen oder eine wundervolle Geschichte damit erschaffen.

Zum Schluss noch, wie sieht Dein größter Lernerfolg aus?

Wer aktiv mit Merktechniken umgeht, bekommt einen völlig neuen Blick auf das Lernen. Meine wichtigsten Erfahrungen beim Lernen sind, wenn ich etwas vergesse. In diesen Momenten kann ich bewusst erleben, warum mein Gehirn eine Information nicht oder nicht richtig abgespeichert hat. Und durch solche Denkfehler kann ich meine Lernmethoden weiter verbessern.

Herzlichen Dank!

Mehr Informationen über Ulrich Bien und Methoden und Möglichkeiten rund um das Gedächtnis finden sich auf den von Ulrich Bien betreuten Websites Einfachallesmerken und Gedächtnistraining.

Ulrich Bien

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