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Das Blog von Lukas Rütten

Genau so, wie du bist

(Foto: heartbeaz )

Die Geburtsstunde der Lüge

Es ist faszinierend: Stellen Sie sich vor, Sie kommen ins Wohnzimmer, auf dem Boden liegt Ihre schönste Blumenvase in Scherben und Ihr Kind sitzt davor und spielt in aller Seelenruhe mit der Holzeisenbahn. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, wie Ihr Kind auf die Frage „warst du das?“ antworten wird. Denn irgendwann in der Entwicklung im Kindesalter machen unsere Kleinen eine Erfahrung, die den Rest ihres Lebens prägen wird: Die anderen wissen nicht, was ich weiß. Das, Ladies and Gentelmen, ist die Geburtsstunde der Lüge.

Bei mir war es ähnlich, und spätestens im Kindergarten war ich im Lügen hochspezialisiert. Ich weiß noch, kurz bevor ich in die Grundschule kam, sprach mich meine Mutter auf dem Nachhauseweg darauf an. Sie hatte mich durchschaut. Ich habe wahrscheinlich darauf gefragt „Wieso willst du das wissen?“ – klar kannte ich all die Geschichten vom Lieben Gott der auf Lügner ganz böse wird – aber sie meinte nur: Weil es gut ist. Für die Schule. Du kannst dann in Aufsätzen bessere Geschichten schreiben als die anderen.

Letzten Sommer…

Jetzt, wo es draußen nass und windig ist, erinnere ich mich gerne an die lauen Sommernächte. Diesen Sommer habe ich mich mit einer sehr guten Freundin getroffen, die ich schon ziemlich lange kenne. Obwohl wir uns seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatten, haben wir uns gut verstanden – vielleicht sogar besser als zuvor. Jedenfalls sind wir irgendwann vom Biergarten in einen Park unter einen Baum gewechselt. Dort haben wir ein wenig geplaudert und sind auch auf eine frühere Website von mir zu sprechen gekommen.

„Dein Website ist so realistisch! Du schreibst ganz persönliche Dinge auf. Das mag ich…“

Ich bin ein bisschen verlegen geworden. Sich vorzustellen, dass deine engen Freunde dein Website mit all deinen persönlichen Gedanken und festgehaltenen Gefühlen lesen, ist mit einem ungewöhnlichen Gefühl verbunden.

Nur um etwas zu sagen fragte ich: „Wirklich?“

„Ich meine… du verstellst dich nicht. Du bist offen. Du sagst, was ist. Und das berührt mich!“

„Woher willst du wissen, dass ich mich nicht verstelle?“ hab ich dann gefragt. Ich der Lügenbaron.

Sie guckte mich an, ihr Blick suchte in meinen Augen. „Naja, deine Worte, sie scheinen so, so ehrlich.“

Wer ist nicht stolz darauf, ein Kompliment gemacht zu bekommen? Aber es war nicht richtig. Vielleicht bin ich auch nicht besonders gut im Komplimente kriegen, aber möglicherweise habe ich auch zu viel in den Tagen davor über Ehrlichkeit nachgedacht – Ehrlichkeit ist ein hässliches Wort. Alte Männer an einem großen dunkelbraunen Konferenztisch haben sich die Ehrlichkeit ausgedacht. Sie riecht nach Mottenkugeln…

Ehrlichkeit – Intention und Wahrnehmung

Wenn ich weiß, dass jemand ein Foto von mir macht, dann versuch ich so ein verwegenes Lächeln aufzusetzen, weil ich denke, dass das sexy aussieht. Wenn ich weiß, dass ein paar Leute bei mir vorbeikommen, renne ich wie ein Irrer durchs Haus und Versuche alles sauber zu machen, damit sie denken, dass ich stets ordentlich und aufgeräumt bin. Und wenn ich einen Artikel im Blog über Ehrlichkeit schreibe, wie sie beeinflusst ist von der eigenen Intention und der Wahrnehmung des anderen, dann schreibe ich über das Drumherum, die Leute und Situationen, die mein Denken beeinflusst haben. Es geht nicht darum, die Wirklichkeit abzubilden, sondern ich will meine Erkenntnis über Ehrlichkeit zum Leben erwecken.

Und wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, dann versuche ich mich besonders abgefahren und wagemutig zu geben. Später muss ich dann manchmal zugeben, dass ich gar nicht so mutig bin und vielleicht ein bisschen an der Wahrheit gebogen habe.

Dabei grinse ich ausgesprochen selten sexy, habe noch nie Yoga in einer richtigen Schule gelernt, bin ein mäßiger Klavierspieler, schaffe nur mit ach und krach einen Spagat, Sonntags auch mal keinen, bin oft extrem nervös und bestimmt eher arrogant als souverän, ziemlich unordentlich und in Sachen Kleidung kenne ich mich in der Theorie sehr gut aus und versage ohne die Hilfe anderer aber in der Praxis. Die Hälfte der Zeit versuche ich ein bisschen besser zu wirken als ich bin – um andere zu beeindrucken.

Ehrlichkeit ist vor allem eine Frage der Intention: Was soll der andere über mich denken? Wie sollen meine Gesten und meine Taten wirken?

Ehrlichkeit ist vor allem eine Frage der Wahrnehmung: Niemandem glauben wir alles. Wir kennen uns selbst – und daher wissen wir, das andere genauso wie wir selbst zu einem besseren Ich neigen.

Wünsche werden Wirklichkeit

Seit ich an diesem Artikel schreibe, beobachte ich mich – wann ich Lüge. Meistens höre ich sofort noch mitten im Satz damit auf. Und was mir auch aufgefallen ist: Ohne Lügen kommt man weiter. Das hat aber nichts mit der viel beschworenen Ehrlichkeit zu tun, sondern viel mehr mit der Einstimmigkeit des Bildes, das der andere sich von mir macht. Wenn man aufhört anderen etwas vorzumachen werden die Lebenslügen, das, was wir uns zu sein wünschen, auf einmal Wirklichkeit!

Wir saßen unter dem Baum. Es war schon richtig finster draußen. Sie sah mich lange an. Schließlich sagte sie: „Ich glaub, ich weiß was ich an deinen Texten so faszinierend finde.“

„Was?“ wollte ich wissen.

„Jeden Tag wird uns gesagt, man muss vorsichtig damit sein, welches Bild man von uns in der Öffentlichkeit bekommt. Was von einem im Internet steht. Die Welt hat vergessen, dass es nicht um Souveränität, Lächeln und korrektes Auftreten geht. Es geht bei Ehrlichkeit und Unehrlichkeit um deine Ziele und Träume und Wünsche.“

Beim anderen ist das genauso. Ehrlichkeit ist deshalb so gewünscht, weil auch der andere Ziele, Träume und Wünsche hat und diese in Ihnen verwirklicht sehen möchte. Da prallen unterschiedliche Zielvorstellungen aufeinander. Die unter einen Hut zu bringen, das ist die wahre Aufgabe der Ehrlichkeit.

„Du hast das erkannt,“ sagte Sie, und guckte weg „und mich macht das nachdenklich. Das gefällt mir so an dir.“

Ich lächelte. „Ich bin mir ziemlich sicher,“ sagte sie dann, „dass wen auch immer du beeindrucken willst, das erkennen wird, dich mögen wird. Genau so, wie du bist. Ich tu es jedenfalls.“



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