Über die Gewohnheiten und Rituale
Kennen Sie das? Es klappt alles wie von selbst, „am Schnürchen“. Nicht wie bei einem mechanischer Ablauf, eher ein gedankenloser, automatisierter Vorgang, welcher anstandslos funktioniert. Er wirkt. Einfach und schlicht.
Wenn wir von Gewohnheiten, Ritualen, Sitten, Bräuchen, Riten, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kult und Routine sprechen, so verbinden wir damit eine Lebensform, die von Regeln, Tradition, Zeremoniell, Gepflogenheit und Konvention geprägt ist. Sie umweht ein Hauch von Harmonie und Einklang, von Annäherung. Alles scheint aufeinander abgestimmt.
Wir verstehen diese Wörter aber manchmal auch als Laster, Drang, Neigung, Abhängigkeit, Marotte, Spleen, Macke oder Verrücktheit. Oder etwas weniger stark: Als Eigenart, Haltung, Individualität, Persönlichkeit, Gemütsrichtung, Gesinnung. Manchmal verwenden wir diese Wörter auch im Zusammenhang mit Wahnvorstellungen oder Einbildung. Oft umgibt diese Wörter eine Leere: Unsinn, Sinnlosigkeit, Idiotie, Albernheit, Gehabe, Selbstbetrug, Extravaganz. Dennoch: All diese Wörter stehen für etwas, das in unserer Zivilisation einen wichtigen Platz innehat: Es geht um Grundhaltung, innere Einstellung, Lebensgestaltung, Lebensführung, Lebensgewohnheit und Gebildet sein.
Aber was meinen wir eigentlich mit all diesen Begriffen?
Kult
Der Kult umfasst die Gesamtheit aller religiöser/spiritueller Praxis. Die Wortbedeutung beinhaltet sowohl Götterverehrung als auch das Bebauen und Pflegen eines Feldes. Der Vergleich ist naheliegend: Ein antiker Gott benötigte ebensoviel Aufmerksamkeit wie ein Kornfeld, egal ob der Mensch sich Göttergunst oder eine gute Ernte erhoffte.
Ritus/Zeremonie
Der Kult äußert sich in einer in den wesentlichen Grundzügen vorgegebene Ordnung für die Durchführung zumeist zeremonieller Handlungen, den Riten. Ein Ritus
wiederum ist eine Abfolge von Ritualen in bestimmter Reihenfolge.
Rituale
Rituale sind nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formell und oft sogar feierlich-festliche Handlungen, die oft sehr symbolgeladen sind.
Rituale können etwas ganz persönliches sein, sie können sich aber auch in der Interaktion mit der Umwelt abspielen. Normalerweise sind sie kulturell eingebunden oder zumindest kulturell bedingt. Rituale greifen auf Symbolik und vorgefertigte Handlungsabläufe zurück, um uns Menschen Halt und Orientierung zu vermitteln. Rituale sind immer dicht verbunden mit der (zumindest symbolischen) Auseinandersetzung über die Grundfragen des menschlichen Lebens, beispielsweise dem Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Beziehung, nach Sicherheit und Ordnung, dem Wissen um die Sterblichkeit oder dem Glaube an eine übergeordnete Wirklichkeit.
Fähigkeiten, Fertigkeiten und Können
Spielerisch oder bewusst gelernte Verhaltensweisen bezeichnet man als Fähigkeiten. Wenn ein Mensch ein Verhalten besser äußert als andere, so spricht man von einer Fähigkeit. Fähigkeit ist wiederum die Voraussetzung, meine Fertigkeiten realisieren zu können. Beispiele dafür sind Klavier spielen, Lesen, Schreiben, Rechnen, Sprechen, Ballspiele und ähnliches.
Können bezeichnet das Zusammenspiel von Fähigkeit und Fertigkeit. Dabei setzt der Erwerb neuer Fertigkeiten bereits bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten voraus. Der Erwerb von Fertigkeiten umfasst immer auch Übung, bereits erlangter Fähigkeiten und Fertigkeiten, und innere Voraussetzungen wie beispielsweise Motivation.
Bringt man eine spezielle oder überdurchschnittliche Fähigkeit zum Erlernen einer Fertigkeit mit, so wird von Talent oder Begabung gesprochen.
Fertigkeiten helfen außerdem, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Auf der Grundlage von Fertigkeiten baut manch einer seine Existenz auf.
Gewohnheit
Als Gewohnheit wird eine Reaktion bezeichnet, die durch Wiederholung mit gleichbleibendem Muster versehen wurde und beim Erleben gleichartiger Situation en wie „automatisch“ nach demselben Reaktionsschema ausgeführt wird. Es gibt Gewohnheiten des Fühlens, des Denkens und des Verhaltens.
Gleichbedeutend mit der Gewohnheit die Routine.
Sitten, kollektive Überzeugungen und Bräuche
Besitzt eine nennenswerte Anzahl von Angehörigen einer Gruppe dieselbe Gewohnheit, so kann diese zur sozialen Sitte oder kollektiven Überzeugung werden. Aufwändigere Bräuche werden dagegen eher bewusst beibehalten, vor allem wenn sie eingeübt werden müssen und zu denselben Gelegenheiten gepflegt werden.
Gewöhnung
Scharf zu trennen ist die Gewohnheit von der Gewöhnung, bei der ein wiederholt dargebotener Reiz zu einer Abnahme der Reaktion (im Extremfall wird keinerlei Reaktion mehr gezeigt) führt.
Was uns das Leben leichter und schwieriger machen kann
Der Unterschied zwischen Kult, Ritus und Ritual einerseits und Gewohnheit, Routine, Sitte und Brauch andererseits liegt also eher im spirituellen-religiösen bzw. weltlichen Kontext.
In jedem Fall geht es darum, der menschlichen Lebensstruktur Halt und Ordnung zu geben. Und in jedem Fall geschieht dies durch wiederkehrende Handlungsabläufe, welche uns durch ihre Symbolik eine bestimmte Bedeutung vermitteln. So ist das gewohnheitsmäßige Sporttreiben stets mit der daraus resultierenden körperlichen Fitness verbunden. Das Sporttreiben wird zum Symbol der eigenen Fitness.
Die Redewendung von der „Macht der Gewohnheit“ bezieht sich dagegen auf die Tatsache, dass ein Tun oder Machen auf der Grundlage ausgeprägter Gewohnheiten immer schneller zustande kommt als ein bewusstes Handeln, das wegen der zu seiner Vorbereitung nötigen Überlegungen und Entscheidungen stets mehr Zeit in Anspruch nimmt als ein gewohnheitsmäßiges Reagieren.
Stark ausgeprägte oder starre Denk- und Verhaltensgewohnheiten können für die Kreativität abträglich sein und zu einem eingefahrenen, mehr oder weniger gedankenlosen Reagieren führen. Zudem erfordert gewohnheitsmäßiges Reagieren wegen seines reflexartigen Ablaufs wenig Aufmerksamkeit. Dies kann zu gewohnheitsmäßiger Unaufmerksamkeit führen, welche gewohnheitsmäßiges Reagieren wiederum verstärkt.
Werden Gewohnheiten allerdings bewusst herbeigeführt und bewusst einer mehr oder weniger regelmäßigen Überprüfung beziehungsweise Revision unterzogen, so können diese eine Bereicherung für unser Leben darstellen. Denn dann hilft uns die Gewohnheit, mehr Flexibilität und Aufmerksamkeit für auf die neu auf uns zu strömenden Dinge zu haben. Die Gewohnheit sorgt dafür, dass der Pegel immer gleich ist. So können wir auf Neues mit einem wasserklaren Geist reagieren.