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Prüfungsvorbereitung (nicht nur) an der Uni

Artikel auf Anfrage empfinde ich als eine große Last, die nur wenig zielgerichtet ist. Aber wenn man so viele Anfragen per E-Mail bekommt, wie ich in den letzten zwei Wochen zu diesem Thema, dann sollte man die Forderung nach immer ein und demselben Artikel eher als Ehre denn als Pflicht auffassen. Hier soll es darum gehen, wie ich mich kurzfristig auf Prüfungen an meiner Uni vorbereite.

Von Informationsgoldstückchen, dem Sieb des Wissens und dem Netz des Wissens

Grundsätzlich stelle ich mir vor, dass wir mit unserer Geburt (manche mögen meinen sogar schon davor) in eine reißende Flut der Informationen geworfen wurden. Das Wichtigste, was wir lernen können, ist es uns ein Sieb anzueignen, mit dem wir die relevanten von den unrelevanten Informationen trennen. Dies ist das Sieb des Wissens. Ein Filter. Unsere Sinnesorgane übernehmen gemeinsam mit unserer Aufmerksamkeit und unserem Bewusstsein diese Aufgabe. Der nächste Schritt besteht dann darin, die hereingelassenen Informationen in ein Netz des Wissens einzuflechten. Die Besonderheit besteht darin, dass dieses Netz nicht gleichmäßig geknüpft ist, sondern an einigen Stellen sehr weitmaschig, an anderen sehr eng. Neue Informationen – nennen wir sie einfach Goldstücke – müssen also manchmal ganz viele Verknüpfungsfäden bekommen, um Halt zu finden. Lernen beziehungsweise einprägen bedeutet den Vorgang, viele Verknüpfungsfäden auszubilden. Wer büffelt, sich den Stoff einpaukt, der geht etwas anders vor: Er versucht durch stures Widerholen einen einzigen Verknüpfungsfaden so dick zu machen, dass das Goldstück nicht herunterfällt. Das kann funktionieren, jedoch reißt das Tau, ist das Goldstück verloren.

Der erhebliche Nachteil bei diesen Fäden ist, dass diese regelmäßig überprüft werden müssten, damit sie halten. Das ist der Grund warum Eingepauktes manchmal länger im Kopf bleibt als gut und gründlich Gelerntes. Diese Überprüfungen machen jedoch Sie allein, und weil sie auch noch anderes zu tun haben, bleibt vieles auf der Strecke. Aber ich kann Sie beruhigen. Nichts ist reißfester als Ihr Wissensnetz. Wenn Sie die Fäden nicht überprüfen, können Sie diese nicht wieder fest anziehen. Die Fäden leiern also aus, der Weg der Spinne bis zum Goldstück braucht länger, als mit gut angezogenen Verbindungsfäden.

Lassen Sie mich noch einmal Ihre Rolle bei der Geschichte mit den Goldstückchen verdeutlichen: Ihre Aufgabe ist es, die relevanten Informationen zu herauszusuchen und diese dann so einzuweben, dass sie möglichst viele und sehr stark angezogene Verbindungsfäden haben, so dass sie auf dem am stärksten angezogenen (und damit kürzesten) Weg zu Ihrem Goldstück/ Ihrer Information gelangen. Wie geht das?

Im vergangenen Semester (Einführung in die Politikwissenschaften) musste ich für die Klausur eine Liste von Zentralbegriffen lernen, die Max Weber in seinem Politikkonzept verwendet: Macht, Gewalt, Herrschaft, Territorium, Monopol legitimer Gewalt, Legitimität.

Die Fäden knüpfen

  1. Symbole finden. Wenn Sie eine Liste auswendig lernen wollen, sollten Sie für jeden Listenpunkt ein Symbol oder ein kleines Bildchen finden, noch besser einen kleinen Clip: Macht – Schwert; Gewalt – ein Mann mit blutiger Nase und blauem Auge; Herrschaft – eine Krone, Zepter und Reichsapfel; Territorium – eine Landkarte; Monopol legitimer Gewalt – das Gebäude der Krefelder Hauptpost (Postmonopol; jedes andere Postamt funktioniert auch) und einen Boxer, der mit roten Handschuhen auf das Gebäude einschlägt; Legitimität – die berühmte Waagschale der Justitia. Schreiben Sie sich die Symbole zu Ihren Stichpunkten und gehen Sie diese Verbindung so lange durch, bis Sie die Zuordnung beherrschen, ohne auf ihr Blatt zu gucken.
  2. Die Symbole zu einem Prozess verbinden. Besonders wenn es auf die genaue Reihenfolge der Punkte ankommt, ist dieser Schritt wichtig. In unserem Beispiel (in dem die Reihenfolge nicht so wichtig ist) bedeutet dies: Ich stelle mir einen kleinen Prinz vor, der irgendwann einmal ein guter Politiker sein soll und sein Land regiert. Zunächst zieht er wie König Artus sein Schwert (Macht – nennen Sie die einzelnen Punkte ruhig auch während sie sich die Geschichte laut aufsagen) aus einem großen Stein. Währenddessen bedrängt ihn ein Mann mittleren Alters, den er aber durch zwei Stöße mit seinem Ellbogen abwehrt. Der Mann hat dann eine blutige Nase und ein blaues Auge (Gewalt). Vom Himmel fällt nach diesem Erfolg eine Krone auf sein Haupt herab (Herrschaft). Der Prinz geht weiter und der Wind um ihn herum klatscht ihm eine alte Landkarte ins Gesicht , die er wegpackt (Territorium). Vor der Krefelder Hauptpost angekommen beginnt er, wie wild mit seinen roten Boxhandschuhen auf das Gebäude einzuklopfen (Monopol legitimer Gewalt). Doch ehe das Gebäude zusammenbricht, zoomen wir aus der Situation heraus und bemerken, dass sich unsere kleine Geschichte in der rechten Waagschale einer Waage abgespielt hat (Legitimität). Erwähnenswert ist noch, dass diese Waagschale auf dem Pult eines alten Webers steht, der gerade einen „Strammen Max“ zum Abendessen verzehrt.

Die Fäden festziehen

Oft werden Sie die oben genannten Schritte überhaupt nicht benötigen. Auf Grund Ihrer Vorkenntnisse und dem was sie eh schon wussten oder was sie noch aus der Vorlesung behalten haben. Aber in vielen Fällen werden sie den ersten Punkt anwenden, und wenn die Reihenfolge wichtig ist oder sie einfach einen Punkt immer wieder vergessen, dann verwenden Sie auch die kleinen Geschichten, die Ihre gefundenen Symbole zu einem Prozess verbinden. Noch viel wichtiger aber ist das Wiederholungssystem. Es ist sozusagen der Schlüssel zum behalten. Was sie vorher gemacht haben, sind Fäden zwischen Goldstück und bestehendem Netz zu kreieren, jetzt ziehen sie diese Fäden fest, in dem Sie auf eine sehr effiziente Weise wiederholen.  Was Sie benötigen, ist ein brauchbares Wiederholungssystem:

Mein Wiederholungssystem ist eigentlich ganz einfach. Strukturell ist es eine Mischung aus dem „Chinaprinzip“ und dem Karteikartensystem. Meine gesamten Stichwortlisten sehen wie folgt aus:

Wie lauten die 6 Zentralbegriffe im Politikkonzept Max Webers?
  • Macht
  • Gewalt
  • Herrschaft
  • Territorium
  • Monopol legitimer Gewaltt
  • Legitimität

Auf der einen Seite steht eine Frage, die möglichst angibt, wie viele Elemente („6 Zentralbegriffe“) meine Liste enthält, welcher Person/Theorie/etc („Max Weber“) die Liste zuzuordnen ist und wie man diese Liste betiteln würde („Politikkonzept”). Wenn wir Fragen stellen, sucht das menschliche Gehirn von Schulzeiten an nach einer Antwort. Stellen Sie also immer Fragen zu dem, was Sie gerne lernen und behalten möchten!

Wenn Sie zum gesamten Stoff Ihrer Lerneinheit Karteikarten mit Frage und Antwort erstellt haben, haben Sie den größten Teil geschafft. Machen Sie jetzt gegebenenfalls noch die Symbole und die Geschichten. Allein dadurch werden Sie alle Goldstücke an mindestens einem kleinen Faden hängen haben. Gehen Sie nun wie folgt vor:

Drucken Sie ihre Karteikarten aus oder legen Sie alle handgeschriebenen Karteikarten auf einen Stapel. Unterteilen Sie dann Ihren Stapel in Unterstapel, so dass sie 4 bis 7 Fragen auf einem Unterstapel liegen haben. Nehmen Sie einen der Unterstapel. Stellen Sie sich hin. Ich möchte, dass Sie sich nun eine spannende Situation vorstellen. Sie sind erfolgreich mit ihrem Studium gewesen und man hat Sie sofort für sehr viel Geld zum Privatprofessor oder zur Privatprofessorin (es gibt zu wenige Professorinnen, nur 8%!) gemacht. Ihre Studenten bereiten sich auf Ihre Abschlussklausur vor und dürfen Ihnen heute in einem schönen, großen Hörsaal Fragen zur Klausur stellen. Ihre Studenten haben endlos viele Fragen (gut, dass sie an einer Eliteprivatuniversität beschäftigt sind, die sie auch für eine ganze Menge überstunden bezahlt). Jede Frage auf Ihrem Unterstapel ist eine Frage, die Ihnen ein Student stellt. Sie beantworten diese Aufrichtig. Und sehr viel ausführlicher, als es auf Ihrem Antwortzettel geschieht:

  1. Nennen Sie kurz die Antwortpunkte ihrer Karteikarte und das Oberthema, zu dem diese Frage gehört. Wann in der Vorlesung ist diese Frage aufgekommen bzw. die Antwort relevant gewesen? Ordnen Sie ausführlich ein. Falls Sie eine Frage nicht beantworten können, schauen Sie in der Antwort/ Ihren Unterlagen nach. Sagen Sie Ihren Studenten, dass Sie ehrgeizig sind und beantworten Sie die Frage so oft, bis die Antwort sitzt und Sie diese Auswendig können. Konzentrieren Sie sich auf Zusammenhänge und Anknüpfungspunkte und auf Ihre Symbole und Geschichten.
  2. Erzählen Sie Ihren Studenten in jedem Fall auch die Merkwörter bzw. die dazugehörige Geschichte. Sonst lernen Ihre Studenten ja nie etwas. Man muss diesen faulen Socken heute sogar schon die passenden Merkhilfen mitliefern.
  3. Wenn Sie bereits eine passende Frage beantwortet haben, die zum gleichen Thema gehört und sich irgendwie damit verknüpfen lässt, rekapitulieren sie diese gleich noch einmal mit.
  4. Gehen Sie einen Stapel einmal durch. Dann: Vielleicht kennen Sie auch so eine dieser übereifrigen Studentinnen, die alle Fragen noch mal stellen, weil sie die Antworten mitschreiben wollen. Tragen Sie noch einmal alle Antworten auf alle Fragen vor (siehe Punkt 1)
  5. Gehen Sie während dessen im Raum auf und ab. Das wird ihr Gehirn auf eine bessere Auswendiglernleistung bringen. Fragen Sie einen Biologen oder einen Arzt!  (oder hören Sie einfach auf mich.)
  6. Wenn Sie den Unterstapel im ersten Durchgang ausführlich und im zweiten Durchgang kurz bearbeitet haben, wird Ihnen ungefähr die Hälfte bekannt vorkommen. Machen Sie jetzt eine Pause von 5 bis 15 Minuten. Hören Sie auf Ihren Körper. Machen Sie aber unter keinen Umständen länger Pause.
  7. Gehen Sie dann den ersten Unterstapel wieder kurz durch. Anschließend folgen die Punkte 1 bis 4 für den nächsten Unterstapel. Machen Sie immer so weiter. Vor jedem neuen Unterstapel wiederholen sie kurz alle vorangegangen („Chinaprinzip“). WICHTIG: Um einen äußerst nachteiligen Mangel zu verhindern, den die Psychologen „seriellen Positionseffekt“ nennen, müssen Sie sobald sie drei „alte“ Unterstapel haben, dies Reihenfolge der Unterstapel gut durchmischen. Manchmal hilft es auch, die einzelnen Karten innerhalb eines Unterstapels zu durchmischen. Sonst merken Sie sich nur, was im ersten und letzten Stapel liegt. Den Rest nimmt Ihr Gehirn nicht so wichtig.
  8. Das gute am Ende ist, dass Sie fertig sind. Jeder Unterstapel wurde behandelt. Besonders gründliche Menschen haben sogar noch mal alle Karten von vorne bis hinten durchgesehen und (fast) alle richtig beantwortet. Das es nur fast alle Antworten sind, und sie bei manchen noch „Hänger“ oder Schwierigkeiten hatten, ist nicht schlimm. Ihr Gehirn wird diese noch verarbeiten. Es muss die neuen Informationen erst noch unbewusst verarbeiten. Es braucht quasi eine Inkubationszeit. Die Informationen sind in Ihrem Kopf, so wie die Viren in Ihrem Körper. Es braucht ein bisschen Zeit, bis Sie den Effekt merken (kein schönes Beispiel, ich weiß).

Wir haben mit dieser Technik alles gemacht, was Lernpsychologen schon lange wissen und fordern:

  • Durch die Symbole und Geschichten haben wir uns Modelle von unserem neuen Wissen geschaffen. Zugleich haben wir Neues mit Bekanntem verbunden. Und das Wissen wurde strukturiert.
  • Die Fragen regen unser Gehirn an, Antworten zu finden.
  • Wir haben durch unsere Vorstellungskraft unser Gehirn in die Lage versetzt, den Kontext des Wissenserwerbs und Wissensabrufs mit einem Professor – also jemandem, der sich in dem Fachgebiet besonders gut auskennt – zu verbinden. Das wird unser Gehirn anregen und öffnet unsere Kanäle für Problemlösung und das Einordnen neuer Informationen und die Ausgabe von Antworten.
  • Außerdem verwenden wir das bewährte Karteikartensystem zum Training. Durch das Vertauschen verhindern wir ein „überspringen“ der Inhalte, die in der Mitte unserer Lernsitzung Thema waren.
  • Wir haben nur sehr wenig Zeit darauf verwendet, die Fragen aufzuschreiben und die Inhalte zu lesen etc. Die meiste Arbeitsleistung wird durch das immer wieder erneute Testen (Beantworten von Fragen dummer Studenten) erreicht. Tatsächlich können wir mehr besser länger und schneller behalten, wenn wir getestet werden. Nicht wenn wir lernen. Was getestet wurde und dann richtig abgerufen wird, bleibt im Kopf.
  • Die Fragen im Karteikartensystem haben wir so gestellt, wie die Schilder auf einer Autobahn uns den Weg weisen. Region, größere Stadt, Ort. Hauptthema, Theorie und Name, Listenteile und Art der Listenelemente.
  • Wir haben durch das ausführliche Beantworten der Fragen und das Erläutern des gesamten Themas eine starke Verarbeitungstiefe erreicht. Wir haben die Lernelemente mit Bedeutung versehen. Weil wir und die Symbole und Geschichten und Merkhilfen selbst überlegt haben (Eigenaktivität), erzielen wir eine noch bessere Gedächtnisleistung.

Natürlich gibt es auch viele andere Wege, die ebenso ans Ziel führen. Natürlich ist dieses Vorgehen kurzfristig und kein Selbstmanagementsystem. Dass Sie sich genügend Zeit zum Lernen nehmen, dafür müssen Sie selbst sorgen. Zu Prioritäten sollten Sie hier auf WaterClearMidn aber genug finden… Abschließend sei noch darauf verwiesen, dass ich diese Methode in den Sozial- und Geisteswissenschaften verwende, in der Psychologie – einer Naturwissenschaft – funktioniert sie allerdings auch.  Und: Eine solche Prüfungsvorbereitung ist ein kleines Stückchen einer großen Torte „Lernen“. Vieles, was Ihnen das Leben und Lernen einfacher machen könnte, wie gute Aufzeichnungen, frühzeitiges Lernen, etc sind nicht Gegenstand dieser Ausführung (aber deshalb nicht mindergut oder minderwichtig).

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